Die globale Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verschärft. Der Konflikt im Nahen Osten hält an, die Straße von Hormus bleibt weiterhin nur eingeschränkt nutzbar und zentrale Handelsrouten für Energieexporte stehen unter Druck. Dennoch zeigen sich die internationalen Aktienmärkte bemerkenswert stabil. Der amerikanische S&P 500 sowie mehrere asiatische Leitindizes erreichten zuletzt sogar neue Höchststände.

Auf den ersten Blick erscheint diese Entwicklung widersprüchlich. Schließlich passieren rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels die Straße von Hormus. Eine dauerhafte Blockade würde nicht nur die Energieversorgung, sondern weite Teile der globalen Industrie treffen. Trotzdem bleiben größere Verwerfungen an den Märkten bislang aus.

Vielleicht lässt sich diese Widerstandsfähigkeit durch drei Faktoren erklären: einen geopolitischen Gewöhnungseffekt, die aktuelle Bewertung von Inflation und Wachstum durch die Märkte sowie die weiterhin robuste wirtschaftliche Dynamik vieler Unternehmen.

Gewöhnung an geopolitische Krisen

Der erste Faktor ist psychologischer Natur. Anleger haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend an geopolitische Spannungen gewöhnt. Selbst Ereignisse, die früher massive Verunsicherung ausgelöst hätten, führen heute häufig nur noch zu kurzfristigen Kursreaktionen.

Dies zeigte sich bereits bei den jüngsten handelspolitischen Eskalationen der Vereinigten Staaten. Weder die von Donald Trump angekündigten Strafzölle noch seine wiederholt geäußerten Ambitionen gegenüber Grönland führten langfristig zu einer nachhaltigen Schwäche der Märkte. Rückgänge wurden vielmehr vielfach als Kaufgelegenheit interpretiert.

Dieser Mechanismus scheint inzwischen auch im Nahostkonflikt zu greifen. Offenbar gehen große Teile der Marktteilnehmer weiterhin davon aus, dass eine vollständige und dauerhafte Unterbrechung des Schiffsverkehrs letztlich verhindert werden kann. Die Erwartung einer späteren Stabilisierung begrenzt somit die unmittelbare Risikoaversion.

Hinzu kommt ein struktureller Faktor: Seit der Corona-Pandemie, dem Ukrainekrieg und mehreren Inflationsschocks operieren Investoren in einem Umfeld permanenter Krisenmeldungen. Geopolitische Risiken sind nicht länger Ausnahmezustand, sondern Teil des normalen Marktumfelds geworden.

Inflation wichtiger als Wachstumssorgen

Der zweite Grund liegt in der aktuellen Bewertung wirtschaftlicher Risiken. Die Märkte konzentrieren sich derzeit stärker auf mögliche Inflationsimpulse als auf einen Einbruch des Wachstums.

Normalerweise profitieren in Krisenzeiten defensive Anlageformen wie Staatsanleihen, Gold, der Schweizer Franken oder der japanische Yen. Diesmal blieb eine solche klassische Fluchtbewegung bislang jedoch begrenzt. Stattdessen hielten sich zyklische Branchen wie Industrie oder Grundstoffe vergleichsweise stabil.

Auch Rohstoffe wie Kupfer entwickelten sich robuster, als es in einem typischen Risikoabbau zu erwarten wäre. Dies deutet darauf hin, dass die Märkte weiterhin von einer grundsätzlich tragfähigen Weltkonjunktur ausgehen.

Zudem rechnen viele Investoren offenbar damit, dass die wirtschaftlichen Folgen einer Blockade zeitlich begrenzt bleiben. Strategische Ölreserven sowie kommerzielle Lagerbestände könnten kurzfristige Ausfälle abfedern. Gleichzeitig erhöhen zahlreiche Staaten ihre Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und Energiesicherheit. Diese zusätzlichen Staatsausgaben wirken konjunkturstabilisierend und stützen die Nachfrage.

Parallel dazu setzt sich der globale Investitionsboom im Bereich künstlicher Intelligenz, Rechenzentren und digitaler Infrastruktur fort. Gerade amerikanische Technologiekonzerne profitieren weiterhin von massiven Kapitalzuflüssen. Der Nahostkonflikt hat diese Entwicklung bislang nicht unterbrochen.

Der Energiesektor profitiert von der Krise

Der dritte Faktor ist die Ausgangslage der Weltwirtschaft vor Beginn der aktuellen Eskalation. In vielen Regionen hatten sich die Gewinnerwartungen der Unternehmen bereits zuvor verbessert. Die wirtschaftliche Dynamik blieb stabiler als von vielen Analysten erwartet.

Besonders deutlich zeigt sich dies im Energiesektor. Der steigende Ölpreis sorgt dort für massive Gewinnsteigerungen. Für 2026 rechnen Marktbeobachter inzwischen mit Gewinnsprüngen von über 40 Prozent. Damit erreicht die Branche Wachstumsraten, die zuletzt vor allem mit großen Technologieunternehmen assoziiert wurden.

Grundsätzlich profitieren Unternehmen in Phasen moderater Inflation häufig davon, dass Umsätze nominal steigen. Höhere Preise können zumindest teilweise an Kunden weitergegeben werden, während Sachwerte wie Aktien in einem inflationsgeprägten Umfeld oftmals attraktiver erscheinen als festverzinsliche Anlagen.

Die aktuelle Stabilität der Märkte bedeutet jedoch keineswegs, dass die Risiken verschwunden wären. Vielmehr basiert sie auf der Annahme, dass sich die Lage mittelfristig kontrollieren lässt.

Die eigentliche Gefahr liegt in der Dauer der Krise

Gerade darin liegt jedoch das zentrale Risiko. Sollte die Straße von Hormus längerfristig blockiert bleiben, könnten die derzeitigen Annahmen der Märkte schnell ins Wanken geraten.

Die weltweiten Öl- und Treibstoffreserven sind begrenzt. Mit jeder Woche ohne Normalisierung des Schiffsverkehrs steigt der Druck auf Lieferketten und Industrieproduktion. Besonders betroffen wären nicht nur Treibstoffe, sondern auch chemische Vorprodukte, Düngemittel und Helium. Letzteres spielt unter anderem für die Halbleiterfertigung eine wichtige Rolle.

Die Folgen würden sich dann weit über den Energiesektor hinaus ausbreiten. Kunststoffproduktion, Landwirtschaft und Chipindustrie könnten gleichermaßen unter Versorgungsengpässen leiden. Eine solche Entwicklung hätte erheblich stärkere Auswirkungen auf Wachstum und Inflation als bislang eingepreist.

Die gegenwärtige Ruhe an den Märkten basiert daher weniger auf einer Entwarnung als auf der Erwartung, dass eine Eskalation letztlich verhindert wird. Sollte sich diese Annahme als falsch erweisen, könnte die aktuelle Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte schnell an ihre Grenzen stoßen.