Während die großen US-Technologiekonzerne weiterhin die Entwicklung und Vermarktung Künstlicher Intelligenz dominieren, galt Europas vergleichsweise geringer Technologieanteil an den Aktienmärkten lange Zeit als strukturelle Schwäche. Aus Sicht vieler Investoren beginnt sich dieses vermeintliche Defizit jedoch zunehmend in einen Vorteil zu verwandeln. Denn nachdem sich zahlreiche Portfolios in den vergangenen Jahren stark auf KI- und Technologiewerte konzentriert hatten, wächst nun das Interesse an stärker diversifizierten Märkten…und damit an Europa.
So profitieren europäische Aktien derzeit gleich von mehreren Faktoren: niedrigere Bewertungen, sinkende Zinsen, fiskalische Impulse und eine breitere sektorale Aufstellung. Trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheiten, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt, bleibt der Ausblick für europäische Aktien aus seiner Sicht insgesamt positiv.
Vor allem in drei Bereiche bieten attraktive Chancen: im Konsumsektor, bei mittelständischen Unternehmen mit unterschätztem Potenzial sowie bei Firmen, die von den europäischen Investitions- und Konjunkturprogrammen profitieren.
Konsumsektor profitiert von überschüssigen Ersparnissen
Auf den ersten Blick erscheint der europäische Konsumsektor wenig dynamisch. Die Konsumausgaben in vielen Ländern der Eurozone entwickelten sich in den vergangenen Jahren nur verhalten. Bei genauerem Blick zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Anders als in den Vereinigten Staaten haben viele europäische Haushalte die während der Pandemie aufgebauten Ersparnisse bislang nur teilweise aufgebraucht. Gleichzeitig sorgen sinkende Zinsen für eine schrittweise Verbesserung der Konsumstimmung.
Diese Kombination könnte sich zunehmend als Wachstumstreiber für die europäische Binnenwirtschaft erweisen. Vor allem Unternehmen mit starker Präsenz im europäischen Verbrauchermarkt dürften von einer allmählichen Belebung der Nachfrage profitieren.
Auch der Finanzsektor zählt nach Einschätzung Ingrams zu den möglichen Gewinnern dieser Entwicklung. Europas Banken litten über Jahre unter der Niedrigzinsphase und schwacher Profitabilität. Durch Kostensenkungen, Digitalisierung und eine verbesserte Kapitalausstattung gelang es vielen Instituten jedoch, ihre Ertragslage deutlich zu stabilisieren.
Bemerkenswert sei dabei, dass europäische Bankaktien in den vergangenen fünf Jahren sogar besser abgeschnitten hätten als die sogenannten „Magnificent Seven“ aus dem US-Technologiesektor. Besonders attraktiv bewertet erscheinen Ingram derzeit Institute wie die irische AIB oder die spanische Banco Santander. Auch Versicherer wie Allianz verfügten weiterhin über Potenzial.
Staatliche Investitionsprogramme sorgen für langfristigen Rückenwind
Zunehmend wichtiger wird aus Sicht vieler Investoren zudem die europäische Fiskalpolitik. Nachdem über Jahre vor allem Sparprogramme dominierten, erhöhen zahlreiche europäische Staaten inzwischen ihre Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung und Energiewende.
Besonders Deutschland steht dabei im Fokus. Unternehmen wie Bilfinger könnten von den steigenden Infrastrukturausgaben profitieren. Das Industrieunternehmen ist stark im deutschen Markt verankert und gilt als möglicher Gewinner umfangreicher Modernisierungsprogramme.
Auch in anderen Bereichen entstehen neue Wachstumsfelder. Der spanische Rüstungskonzern Indra Sistemas profitiert von steigenden europäischen Verteidigungsausgaben, während der französische Technologiedienstleister SPIE zu den möglichen Gewinnern der europäischen Elektrifizierung zählt.
Zwar verlaufen viele Infrastrukturprojekte langsamer als ursprünglich angekündigt, doch beginnen sich die staatlichen Investitionszusagen zunehmend in den Gewinnprognosen zahlreicher Unternehmen niederzuschlagen. Anders als kurzfristige Konjunkturprogramme wirken viele dieser Investitionen über mehrere Jahre hinweg und schaffen damit eine vergleichsweise stabile Nachfragebasis.
Europas Breite wird zum Vorteil
Während große Teile der US-amerikanischen und asiatischen Aktienmärkte inzwischen stark von Technologie- und KI-Werten dominiert werden, bietet Europa weiterhin eine deutlich breitere sektorale Aufstellung. Genau diese Diversifizierung gewinnt aus Sicht vieler Anleger wieder an Bedeutung.
Statt ausschließlich auf wenige große Technologieunternehmen konzentriert zu sein, finden sich in Europa zahlreiche Unternehmen aus Industrie, Infrastruktur, Finanzwesen, Energie und Konsumgütersektor. Diese Mischung könnte sich insbesondere in einem Umfeld steigender geopolitischer Unsicherheit und zunehmender Bewertungsrisiken im Technologiesektor als Vorteil erweisen.
Entscheidend bleibet jedoch eine selektive Aktienauswahl. Gerade in Europa ließen sich viele Chancen nicht über breite Indizes erfassen, sondern vor allem über eine gezielte Bottom-Up-Analyse einzelner Unternehmen identifizieren.
Hinterlasse einen Kommentar