Während sich die Aufmerksamkeit vieler Investoren weiterhin auf die USA richtet, vollzieht sich im Hintergrund eine tiefgreifende Verschiebung: Die Schwellenländer entwickeln sich von zyklischen Mitläufern zu ernstzunehmenden Konkurrenten, technologisch wie kapitalmarktseitig. Was sich im vergangenen Jahr an den Börsen abzeichnete, war keine bloße Demonstration relativer Stärke, sondern könnte den Beginn eines neuen Marktregimes markieren.
Die stärkste Outperformance seit 15 Jahren
Im zurückliegenden Jahr verzeichneten Schwellenländer die markanteste und zugleich breiteste Outperformance gegenüber Industrieländern seit anderthalb Jahrzehnten. Anders als in früheren Phasen speiste sich die Rally jedoch nicht primär aus einem Rohstoffboom.
Stattdessen tragen strukturelle Reformen, zyklischer Rückenwind und thematische Treiber, von Brasilien bis Südkorea, die Entwicklung. Hinzu kommt eine relative Schwäche westlicher Märkte, die Kapital in wachstumsstärkere Regionen umleitet. Das Ergebnis ist eine Dynamik, die qualitativ anders gelagert ist als frühere Aufschwünge.
Strukturelle Verbesserungen stärken die Resilienz
In zahlreichen Schwellenländern haben sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten substanziell verbessert. Inflation wurde vielerorts früher und entschlossener bekämpft als in den Industriestaaten, Leistungsbilanzen stabilisierten sich, das Gewinnwachstum gewann an Robustheit.
Damit gerät eine lange gepflegte Annahme ins Wanken: dass Schwellenländer per se eine höhere Risikoprämie rechtfertigen. Die jüngsten Entwicklungen deuten vielmehr auf eine strukturelle Reifung hin.
Parallel dazu haben mehrere Länder ihre Corporate-Governance-Standards reformiert. Besonders in Südkorea zeigt sich, wie Reformen die Kapitaldisziplin stärken, Margen verbessern und Ausschüttungen erhöhen können.
Bemerkenswert ist zudem ein Trendbruch auf der Kapitalseite: Über viele Jahre hinweg führten umfangreiche Neuemissionen zu einer Verwässerung des Gewinns je Aktie. Nun kehrt sich dieses Muster um. Aktienrückkäufe und effizientere Kapitalallokation steigern die Profitabilität und rücken Aktionärsrenditen stärker in den Fokus. Schwellenländer bewegen sich damit in Richtung der Standards entwickelter Märkte, ein Signal, das institutionelle Investoren aufmerksam registrieren.
Zyklischer Rückenwind verstärkt die Dynamik
Neben strukturellen Faktoren wirken derzeit günstige konjunkturelle Impulse. Ein schwächerer US-Dollar entlastet die Finanzierungskosten und stabilisiert viele Schwellenländer-Währungen.
Zudem ziehen die Rohstoffpreise wieder an, diesmal nicht allein aus klassischen Angebots- und Nachfrageschüben, sondern im Zuge massiver Investitionen in Infrastruktur im Kontext des KI-Booms. Davon profitieren insbesondere rohstoffreiche Länder in Lateinamerika und Asien.
In vielen Schwellenländern ist die Inflation bereits deutlich zurückgegangen, sodass die Zentralbanken früher als ihre Pendants in den Industrieländern Zinssenkungen einleiten konnten. Diese geldpolitische Flexibilität fördert die Binnenkonjunktur. Gleichzeitig haben sich die Handelsströme zwischen Schwellenländern intensiviert – nicht zuletzt dank der robusten Nachfrage aus China und der Diversifizierung globaler Lieferketten.
Märkte wie Südkorea, Taiwan, Brasilien, Mexiko und Südafrika gewinnen im Gleichklang an Dynamik. Aus einer isolierten Erholung einzelner Länder formt sich zunehmend ein breiter Schwellenländer-Zyklus.
Stimmungsumschwung und Rekordzuflüsse
Kapitalmärkte werden nicht nur von Fundamentaldaten, sondern auch von Stimmungen getrieben. Der jüngste Ausverkauf von Technologieaktien in Industrieländern hat die Sensibilität der Anleger verdeutlicht.
Parallel dazu vollzog sich ein bemerkenswerter Imagewandel: Noch vor rund 18 Monaten galt China in vielen Portfolios als kaum investierbar. Das Engagement internationaler Investoren war entsprechend gering. Anfang 2026 erreichten die Zuflüsse in Schwellenländer jedoch, nach einem starken vierten Quartal 2025, Rekordniveaus.
Dabei spielen auch Bewertungsaspekte eine Rolle. Schwellenländer werden derzeit mit einem Abschlag von rund 40 Prozent gegenüber dem US-Markt gehandelt. Das erscheint bemerkenswert, wenn man berücksichtigt, dass sie rund 40 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung und etwa 70 Prozent zum weltweiten Wachstum beitragen. Zudem weisen sie aktuell das höchste erwartete Gewinnwachstum auf, ein Faktor, der sich langfristig in steigenden Bewertungen niederschlagen könnte.
Technologischer Aufstieg: Von Werkbank zu Innovationszentrum
Die vielleicht tiefgreifendste Veränderung vollzieht sich im technologischen Bereich. Während Innovation im öffentlichen Diskurs weiterhin stark mit den USA assoziiert wird, verlagert sich ein zentraler Teil der Wertschöpfung nach Asien.
Die Produktion hochentwickelter Halbleiter, essenziell für Künstliche Intelligenz, konzentriert sich maßgeblich in Taiwan und Südkorea. In den vergangenen zehn Jahren haben sich diese Märkte zu einem globalen Zentrum für KI-Hardware entwickelt und liefern Schlüsselkomponenten, von Chips bis zu Sensoren.
Doch die technologische Kompetenz beschränkt sich nicht auf Halbleiter. China ist führend in der Solarenergieproduktion und zählt zu den größten Automobilexporteuren weltweit. Taiwan wiederum dominiert bei fortschrittlichen chemischen und Verbundwerkstoffen für Hochleistungselektronik.
Die Schwellenländer sind damit nicht länger nur verlängerte Werkbänke, sondern eigenständige Innovationszentren mit globaler Wettbewerbsfähigkeit.
Chancen, aber kein Selbstläufer
Trotz aller positiven Entwicklungen bleibt die Anlageklasse heterogen. Politische Risiken, regulatorische Eingriffe und externe Schocks können einzelne Märkte empfindlich treffen. Die Schwellenländer sind kein monolithischer Block, sondern ein Geflecht sehr unterschiedlicher Volkswirtschaften mit eigener Dynamik.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine selektive Herangehensweise sinnvoll. Aktives Management mit Fokus auf qualitativ hochwertige Unternehmen, solide Bilanzen und nachhaltige Ertragskraft dürfte gegenüber einer breiten, indexorientierten Allokation Vorteile bieten.
Die Risiken sind nicht verschwunden. Doch die strukturellen Verbesserungen, die wachsende Innovationskraft und die verbesserte Kapitaldisziplin deuten darauf hin, dass Schwellenländer 2026 nicht nur von globalem Wachstum profitieren, sondern selbst zu einem eigenständigen Motor der Weltwirtschaft geworden sind.
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