Auf den ersten Blick präsentiert sich Kolumbiens Wirtschaft überraschend robust. Eine harte Landung blieb aus, der Peso hat seit Jahresbeginn deutlich aufgewertet, und der private Konsum zeigt sich widerstandsfähig. Doch hinter diesen positiven Eckdaten verbergen sich wachsende strukturelle Risiken.
Die öffentlichen Finanzen geraten zunehmend unter Druck, die Sicherheitslage verschlechtert sich in Teilen des Landes, und die politische Fragmentierung erschwert notwendige Reformen. Die Wahlen im Jahr 2026 werden entscheidend dafür sein, ob Kolumbien diese Spannungen ordnen oder weiter verschärfen wird.
Fiskalpolitik unter Zwang
Das gesamtstaatliche Defizit liegt aktuell bei über 6 % des Bruttoinlandsprodukts, für 2026 rechnet die Regierung sogar mit rund 6,2 %. Zwar fiel der Schuldenstand dank eines günstigen Wechselkurses geringer aus als befürchtet, doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen. Die Primärausgaben überschreiten die eigenen Fiskalregeln, während echte Konsolidierung politisch kaum durchsetzbar ist.
Ein zentrales Problem: Der überwiegende Teil der Staatsausgaben ist gesetzlich festgeschrieben. Ohne parlamentarische Mehrheiten lässt sich nur ein kleiner Teil des Haushalts kurzfristig anpassen. Zwar erscheinen die staatlichen Investitionen nominell hoch, doch lediglich rund ein Drittel fließt in produktive Bereiche wie Infrastruktur oder Bildung. Der Rest entfällt auf Transfers und Subventionen, die politisch sensibel und ökonomisch wenig wachstumsfördernd sind.
Auch auf der Einnahmenseite bleibt der Staat hinter den Erwartungen zurück. Die Steuereinnahmen liegen rund 0,5 % des BIP unter Plan. Um Liquiditätsengpässe zu überbrücken, hat die Regierung Zahlungsrückstände aufgebaut. Gleichzeitig hat die Transparenz der öffentlichen Finanzen abgenommen, selbst inländische Finanzinstitutionen erhalten nur begrenzte Informationen. Das ungesicherte Fremdwährungsrisiko erhöht zusätzlich die Verwundbarkeit.
Wachstum mit abnehmender Qualität
Das Wirtschaftswachstum überraschte zuletzt leicht positiv, getragen von höheren Staatsausgaben und stabilem Konsum. Für 2026 wird ein Wachstum von rund 3,3 bis 3,5 % erwartet. Doch die Zusammensetzung bereitet Sorgen: Die Investitionstätigkeit stagniert, die Exporte entwickeln sich trotz gestützter Rohstoffpreise nur verhalten. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei rund 2,5 % des BIP.
Zudem verschärft der Arbeitsmarkt neue Risiken. Die Regierung hat für 2026 eine Mindestlohnerhöhung von rund 23 % beschlossen, eine der stärksten Anhebungen seit Jahrzehnten. Für viele Unternehmen steigt damit der Anreiz, Beschäftigung in den informellen Sektor zu verlagern. Die Folgen könnten steigender Kostendruck, höhere Inflation und eine Schwächung der formellen Beschäftigung sein.
Zentralbank zwischen Glaubwürdigkeit und Politik
Die kolumbianische Zentralbank hält bislang an einer restriktiven Geldpolitik fest. Der Leitzins liegt bei rund 9,25 %, und trotz rückläufiger Inflation, sie wird für Ende 2025 bei etwa 5 % erwartet, ist eine rasche Lockerung umstritten. Während einige Währungshüter Spielraum für Zinssenkungen im Laufe des Jahres 2026 sehen, halten andere den Kurs angesichts verankerter Inflationserwartungen für notwendig.
Die Märkte preisen teils aggressive Zinsschritte ein, die von den meisten Entscheidungsträgern als unrealistisch eingeschätzt werden. Die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik hat gelitten: Vorsichtige Signale stabilisieren die Erwartungen kaum, entschlossene Schritte würden rasch als politisch motiviert interpretiert.
Die jüngste Aufwertung des Pesos um rund 15 % ist daher weniger Ausdruck inländischen Vertrauens als Folge der globalen Dollar-Schwäche. Die Volatilität bleibt hoch, und ein Auseinanderdriften von Markt- und Politiksignalen könnte die Währung schnell wieder unter Druck setzen.
Wahlen begrenzen den Handlungsspielraum
Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund stehen 2026 Kongress- und Präsidentschaftswahlen an. Auf der Linken vertreten Iván Cepeda und Roy Barreras eine Fortsetzung der Politik von Präsident Gustavo Petro: höhere Sozialausgaben, schnelleres Lohnwachstum, Renten- und Gesundheitsreformen sowie eine stärkere Rolle des Staates. Diese Agenda findet weiterhin Rückhalt bei Wählern, die reale Einkommenszuwächse und mehr gesellschaftliche Teilhabe erfahren haben.
Die politische Mitte sammelt sich um Sergio Fajardo, der für institutionelle Stabilisierung, verbesserte Sicherheitslage und eine schrittweise Haushaltskonsolidierung steht. Auf der zersplitterten Rechten gewinnt Abelardo de la Espriella mit einer Law-and-Order-Rhetorik an Profil.
Viele Wähler gelten als unentschlossen, Umfragen sind entsprechend volatil. Klar ist jedoch: Unabhängig vom Wahlausgang wird die nächste Regierung nur begrenzte politische Durchsetzungskraft besitzen.
Fazit: Investierbar – mit Einschränkungen
Konsum und staatliche Ausgaben können das Wachstum kurzfristig stützen, ersetzen jedoch keine Investitionen, fiskalische Disziplin und institutionelle Glaubwürdigkeit. Die nächste Regierung übernimmt ein Land mit begrenztem finanzpolitischem Spielraum, erhöhten Inflationserwartungen und einer politisch sensiblen Zentralbank.
Die notwendige Anpassung dürfte langsamer und schmerzhafter verlaufen, als es der politische Diskurs nahelegt. Kolumbien bleibt investierbar, allerdings nur selektiv und mit erhöhter Vorsicht. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Märkte reagieren werden, sondern ob die Institutionen rechtzeitig handeln, bevor sie dazu gezwungen werden.
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