Japans Wirtschaft sendet widersprüchliche Signale. Einerseits enttäuschen die jüngsten Konjunkturdaten deutlich, andererseits verfolgt die neue Regierung unter Sanae Takaichi eine ambitionierte finanzpolitische Agenda, die das Land strukturell neu positionieren soll.

Im vierten Quartal 2025 wuchs das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 0,2 Prozent. Analysten hatten mit 1,6 Prozent gerechnet. Die deutliche Verfehlung nährt Zweifel an der konjunkturellen Dynamik der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Gleichzeitig geraten auch die Kapitalmärkte in Bewegung. Besonders am Rentenmarkt stellt sich die Frage, ob Japan weiterhin als Stabilitätsanker gelten kann.

Unruhe am Anleihemarkt

Seit Jahresbeginn sind die Renditen japanischer Staatsanleihen spürbar gestiegen. 30-jährige Titel legten zeitweise um rund 20 Basispunkte zu, 40-jährige näherten sich zwischenzeitlich der Marke von 4 Prozent. Die Zinsstrukturkurve präsentiert sich ungewöhnlich steil.

Auslöser der jüngsten Marktbewegung war die überraschende Auflösung des Unterhauses durch Premierministerin Takaichi am 23. Januar, nur wenige Monate nach ihrem Amtsantritt. Für den 8. Februar wurden Neuwahlen angesetzt. Zugleich kündigte die Regierung ein umfangreiches Konjunkturpaket an, darunter eine zweijährige Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel mit geschätzten Kosten von rund fünf Billionen Yen pro Jahr.

In einem Land mit einer Staatsverschuldung von rund 250 Prozent des BIP sorgte dies umgehend für Diskussionen über die fiskalische Disziplin.

Kein „Truss-Moment“, aber ein Warnsignal

Internationale Beobachter zogen rasch Parallelen zur britischen Gilt-Turbulenz des Jahres 2022. Der Vergleich greift jedoch nur begrenzt. In Japan kam es weder zu systemischen Margin Calls noch zu einer erzwungenen Kettenreaktion gehebelter Investorenstrategien. Nach dem ersten Renditesprung stabilisierte sich der Markt wieder.

Dennoch bleibt die Episode lehrreich. Sie verdeutlicht, wie sensibel auch vermeintlich sichere Häfen reagieren können, wenn politische Impulse auf ein anspruchsvolles Laufzeitenprofil treffen.

Ein zentraler Aspekt liegt im sogenannten Durationsrisiko. Offiziell weist Japan eine relativ stabile durchschnittliche Laufzeit seiner Staatsverschuldung aus. Seit 2016 hat jedoch die Bank of Japan im Rahmen ihrer expansiven Geldpolitik große Teile des Marktes absorbiert, insbesondere im kürzeren Laufzeitsegment. Rechnet man diese Bestände heraus, verbleibt im privaten Sektor ein überproportional hoher Anteil langlaufender Anleihen.

Damit ist das effektive Zinsänderungsrisiko für Investoren höher, als die aggregierten Kennzahlen vermuten lassen.

Sanaenomics: Fiskalpolitik im Mittelpunkt

Während die Konjunkturdaten enttäuschen, setzt Takaichi auf eine klare fiskalische Handschrift. Ihre Politik wird häufig als Fortsetzung der „Abenomics“ ihres Mentors Shinzo Abe interpretiert. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Schwerpunkt.

Während Abe stark auf monetäre Impulse setzte, rückt Takaichi die Fiskalpolitik ins Zentrum. Eine Rückkehr zu aggressiver geldpolitischer Lockerung gilt als unwahrscheinlich, nicht zuletzt wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Glaubwürdigkeit der Zentralbank soll gewahrt bleiben.

Die Agenda gliedert sich in zwei Phasen.

Phase eins: Entlastung der Haushalte

Kurzfristig zielt das Programm auf Bezahlbarkeit. Maßnahmen umfassen Benzinsubventionen, Steuersenkungen, Entlastungen bei Energiekosten, kostenlose private Hochschulbildung sowie kostenfreie Mittagessen für Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe.

Diese Schritte könnten den Verbraucherpreisindex um mindestens 0,6 Prozentpunkte senken. Die Gesamtinflation, die 2025 bei 3,2 Prozent lag, soll unter 2 Prozent gedrückt werden. Auch der Kernindex dürfte im Laufe des Jahres 2026 in Richtung 2 Prozent sinken. Eine zweijährige Befreiung von der Lebensmittelsteuer würde zusätzlich etwa 0,7 Prozent des BIP kosten. Ziel ist es, das reale Lohnwachstum wieder positiv zu machen und den privaten Konsum zu stabilisieren.

Phase zwei: Strategisches Wachstum

Mittelfristig soll die fiskalische Offensive strukturelles Wachstum fördern. Staatliche Mittel dienen als Anschubfinanzierung für Investitionen in 17 strategischen Sektoren, darunter Schlüsseltechnologien, Automatisierung und künstliche Intelligenz. Die Regierung will Lieferketten stärken, Produktivität erhöhen und die Qualität des Humankapitals verbessern.

Mit ihrer parlamentarischen Mehrheit kann Takaichi diese Strategie auch langfristig institutionell verankern.

Hohe Liquiditätsreserven als Puffer

Ein Argument gegen expansive Fiskalpolitik in einem Umfeld steigender Renditen ist die mögliche Straffung der Finanzierungsbedingungen. Allerdings verfügt Japans Privatsektor über erhebliche Liquiditätsreserven.

Haushalte halten Vermögenswerte im Umfang des 5,7-Fachen ihrer Verbindlichkeiten, rund die Hälfte davon in Bargeld. Auch nicht-finanzielle Unternehmen verfügen über deutlich höhere Barbestände als ihre Pendants in anderen Industrieländern. Diese Finanzüberschüsse dämpfen die unmittelbaren Belastungen durch höhere Zinsen.

Steigende Renditen könnten sogar positive Effekte entfalten, indem sie Zinserträge erhöhen und den Finanzsektor normalisieren. Gleichzeitig bemühen sich Regierung und Aufsichtsbehörden, die traditionell hohe Sparneigung durch Reformen und Investitionsanreize in produktivere Bahnen zu lenken.

Marktreaktionen und Ausblick

Die Finanzmärkte reagierten differenziert. Aktien erreichten neue Höchststände, der Yen legte zunächst zu, während langfristige Anleiherenditen sprunghaft stiegen und anschließend teilweise zurückkamen.

Kurzfristig bleibt der Druck auf Yen und Staatsanleihen bestehen. Mittelfristig sprechen Bewertungsgesichtspunkte und mögliche Rückflüsse aus dem Ausland für eine Stabilisierung der Währung. Für zehnjährige Staatsanleihen wird ein Renditeniveau um 2,25 Prozent als wahrscheinlich angesehen.

Japan steht damit an einem Wendepunkt. Die Wirtschaft stagniert kurzfristig, zugleich beginnt eine fiskalisch geprägte Neuorientierung. Ob das Land seinen Ruf als Stabilitätsanker behält, hängt davon ab, wie glaubwürdig die Balance zwischen Haushaltsdisziplin, struktureller Reform und Wachstumsimpulsen gelingt.