Geopolitische Spannungen dominieren erneut die Schlagzeilen. Besonders die Lage rund um Iran sorgt für wachsende Nervosität an den Märkten. Doch wie stark beeinflussen geopolitische Ereignisse tatsächlich die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte?

Ein häufig genutzter Gradmesser ist der geopolitische Risikoindex von Matteo Iacoviello und Dario Caldara. Der sogenannte GPR-Index misst anhand internationaler Medienberichte, wie intensiv Themen wie Krieg, militärische Konflikte, Terrorismus oder nukleare Drohungen diskutiert werden. Im Januar ist dieser Index deutlich gestiegen, nicht zuletzt wegen der Berichterstattung über Entwicklungen in Venezuela und im Iran. Die USA haben ihre Militärpräsenz ausgeweitet, diplomatische Bemühungen blieben bislang ohne sichtbaren Durchbruch. Auf der Prognoseplattform Polymarket wurde zeitweise eine Wahrscheinlichkeit von über 60 Prozent dafür gehandelt, dass es bis Ende März zu einem militärischen Schlag der USA gegen den Iran kommen könnte.

Kurzfristige Marktreaktionen, selten langfristige Schäden

Trotz dieser Zuspitzung zeigt die historische Erfahrung ein differenziertes Bild. Bereits im Juni des vergangenen Jahres kam es zu israelischen und US-amerikanischen Angriffen auf iranische Ziele, ohne dass es zu nachhaltigen Verwerfungen an den Finanzmärkten kam.

Analysen des Internationaler Währungsfonds kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Demnach reagieren Aktienmärkte in den USA und Großbritannien typischerweise nur etwa eine Woche auf geopolitische Ereignisse. Nach rund einem Monat notieren die Kurse im Durchschnitt wieder im positiven Bereich.

Geopolitik allein führt also selten zu dauerhaften wirtschaftlichen Schäden. Eine zentrale Ausnahme bildet jedoch der Energiemarkt.

Der Ölmarkt als neuralgischer Punkt

Sollten geopolitische Konflikte das globale Ölangebot längerfristig beeinträchtigen, wären die Folgen deutlich gravierender. Der Iran produzierte im vergangenen Jahr rund 4,7 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag. Die weltweite Nachfrage lag bei etwa 103,6 Millionen Barrel täglich. Ein signifikanter Ausfall iranischer Produktion oder Transportkapazitäten hätte somit spürbare Auswirkungen. Hinzu kommt die strategische Bedeutung der Straße von Hormus. Rund 20 Prozent der globalen Ölproduktion werden durch diese Meerenge transportiert. Eine Blockade oder militärische Eskalation in diesem Gebiet würde die Versorgungssicherheit unmittelbar treffen.

In einem solchen Szenario drohte ein negativer Angebotsschock. Ein Ölpreis im Bereich von 90 bis 100 US-Dollar pro Barrel wäre denkbar. Die Folgen wären steigende Inflationsraten und sinkende reale Einkommen der Verbraucher, mit entsprechend dämpfender Wirkung auf das globale Wachstum.

Eurozone: Erste Signale einer Belebung

Während geopolitische Risiken zunehmen, zeigen sich in der Eurozone konjunkturelle Aufhellungstendenzen. Der kräftige Anstieg des Geschäftsklimaindex im Januar gilt als positives Signal, da er historisch eng mit dem BIP-Wachstum korreliert. In den kommenden Tagen liefern der ifo-Index, das GfK-Konsumentenvertrauen sowie der Economic Sentiment Index weitere Hinweise. Die Erwartung für das laufende Jahr liegt bei einem Wachstum von rund 1,5 Prozent. Allerdings mahnt die jüngste Entwicklung bei Geldmenge und Kreditvergabe zur Vorsicht. Eine verlangsamte Kreditdynamik deutet auf einen nachlassenden Investitionsimpuls hin und könnte die Erholung bremsen.

USA: Uneinheitliche Signale vom Arbeitsmarkt

In den Vereinigten Staaten zeigen sich widersprüchliche Entwicklungen. Laut Konsumentenumfrage des Conference Board berichteten Haushalte im Januar von einer deutlichen Verschlechterung der Arbeitsmarktlage. Die offiziellen Beschäftigungsdaten zeichneten hingegen ein robustes Bild. Die kommenden Veröffentlichungen zum Arbeitsmarkt, zu Immobilienpreisen und Erzeugerpreisen dürften Klarheit bringen. Entscheidend wird sein, ob sich das Stimmungsbild der Verbraucher wieder stabilisiert oder ob sich eine Abkühlung am Arbeitsmarkt abzeichnet.

Japan: Märkte vertrauen vorerst

In Japan hat sich die Lage an den Finanzmärkten nach dem Wahlerfolg von Premierministerin Sanae Takaichi beruhigt. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ist von zwischenzeitlich 2,35 Prozent auf rund 2,15 Prozent gefallen. Der Wechselkurs liegt bei etwa 155 Yen je US-Dollar, nachdem zuvor fast 160 erreicht wurden. Die Märkte scheinen darauf zu vertrauen, dass höhere Staatsausgaben keine unmittelbaren inflationären Verwerfungen auslösen. Dennoch bestehen mittelfristige Inflationsrisiken, insbesondere im Umfeld einer lange sehr lockeren Geldpolitik. Industrieproduktion, Einzelhandelsumsätze und Inflationsdaten aus dem Großraum Tokio dürften Hinweise auf die konjunkturelle Dynamik im ersten Quartal geben. Sollten Wachstum und Preisauftrieb anhalten, gerät die Bank of Japan unter Druck, ihre Geldpolitik weiter zu normalisieren. Neue Turbulenzen am Anleihemarkt wären in diesem Fall nicht ausgeschlossen.

Fazit

Geopolitische Ereignisse sind nicht automatisch ein dauerhafter Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft. Finanzmärkte reagieren meist kurzfristig und erholen sich rasch. Entscheidend wird es dann, wenn geopolitische Spannungen systemrelevante Märkte wie den Energiesektor nachhaltig stören.

Derzeit überlagern sich geopolitische Risiken, konjunkturelle Aufhellung in Europa, widersprüchliche Signale aus den USA und eine geldpolitische Gratwanderung in Japan. Ob aus Spannungen echte wirtschaftliche Verwerfungen entstehen, hängt weniger von Schlagzeilen ab als von der Frage, ob zentrale Angebotsstrukturen, insbesondere im Energiesektor, dauerhaft beeinträchtigt werden.