Mit dem chinesischen Neujahrsfest beginnt 2026 nach dem traditionellen Mondkalender das Jahr des Feuer-Pferdes. Ein Symbol für Dynamik, Ausdauer und die Fähigkeit, auch lange Wegstrecken entschlossen zurückzulegen. Eigenschaften, die sinnbildlich für die aktuelle Phase der chinesischen Volkswirtschaft stehen. Denn China befindet sich in einem tiefgreifenden ökonomischen Übergang: weg vom rein export- und investitionsgetriebenen Hochwachstumsmodell, hin zu technologischer Wertschöpfung, industrieller Skalierung und innovationsgetriebenem Produktivitätswachstum.

Für langfristig orientierte Investoren entsteht daraus ein Spannungsfeld aus kurzfristiger Unsicherheit und strukturellem Chancenpotenzial.

Zwischen Überkapazität und Weltmarktführerschaft

China sieht sich in mehreren Industriezweigen mit Überkapazitäten konfrontiert – insbesondere in klassischen Schwerindustrien und Teilen der Bauwirtschaft. Gleichzeitig hat sich das Land in Schlüsseltechnologien globale Spitzenpositionen erarbeitet.

Ein prägnantes Beispiel liefert die Automobilindustrie:

  • 2024 wurden weltweit rund 92,5 Millionen Fahrzeuge produziert.

  • China stellte davon etwa ein Drittel des Gesamtvolumens.

  • Besonders dynamisch entwickelte sich die Elektromobilität:
    7,7 Millionen batterieelektrische Fahrzeuge liefen 2024 in China vom Band. Eine Verachtfachung gegenüber 2019.

Unternehmen wie BYD oder NIO stehen exemplarisch für diese technologische Beschleunigung, die weit über den Fahrzeugbau hinaus in Batterietechnik, Softwareintegration und Lieferketteneffizienz ausstrahlt.

Die Zahlen verdeutlichen: Chinas wirtschaftlicher Fortschritt speist sich zunehmend aus der schnellen Skalierung neuer Technologien entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette.

„Neue Normalität“ beim Wachstum

Gleichzeitig ist das zweistellige Realwachstum früherer Jahrzehnte Geschichte. Die Volkswirtschaft hat eine Reifestufe erreicht, in der sich ein  BIP-Wachstum von rund 5 % als nachhaltige „neue Normalität“ etabliert hat.

Diese Verlangsamung ist weniger Ausdruck struktureller Schwäche als vielmehr Folge:

  • einer größeren volkswirtschaftlichen Basis,

  • demografischer Effekte,

  • sowie der strategischen Neuausrichtung auf Qualität statt Quantität des Wachstums.

Handelskonflikte und globale Lieferketten

Der außenwirtschaftliche Kontext bleibt ein zentraler Einflussfaktor.

2024 exportierte China Waren im Gesamtwert von rund 3,5 Billionen US-Dollar. Davon entfielen:

  • 524 Milliarden US-Dollar auf die USA,

  • rund 20 % auf Europa,

  • etwa 1,7 Billionen US-Dollar auf den übrigen asiatischen Raum.

Zwischen Januar und Oktober 2025 gingen US-Importe chinesischer Güter im Schnitt um rund 10 Milliarden US-Dollar pro Monat gegenüber dem Langfristtrend zurück: ein Effekt der Strafzölle und handelspolitischen Spannungen.

Dennoch zeigt sich die Resilienz chinesischer Handelsstrukturen: Lieferströme wurden verstärkt nach Europa und in ASEAN-Staaten umgeleitet. Beobachter führen darauf unter anderem einen Teil der zuletzt rückläufigen Güterinflation in Europa zurück.

Ein struktureller Vorteil bleibt Chinas hochintegrierte Lieferkette, von Rohstoffverarbeitung über Fertigung bis Logistik. In Umfang und Effizienz ist sie kurzfristig kaum substituierbar.

Geopolitischer Verhandlungsspielraum

Der handelspolitische Dialog zwischen Vereinigte Staaten und China dürfte angespannt bleiben, mittelfristig jedoch pragmatischer werden.

Ein Beispiel für Chinas strategischen Hebel lieferte der temporäre Importstopp für US-Sojabohnen. Ein gezielter Schritt mit politischer Signalwirkung gegenüber einer wichtigen Wählergruppe in den USA.

Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Verflechtung hoch:

  • China ist auf den Zugang zum US-Konsummarkt angewiesen.

  • Die USA benötigen chinesische Lieferketten etwa bei Seltenen Erden und Hochleistungsmagneten.

Diese gegenseitige Abhängigkeit begrenzt die Eskalationsspielräume beider Seiten.

Sektoraler Blick: Technologie vs. Immobilien

Aus Investorensicht zeigt sich ein klar zweigeteiltes Bild.

Technologie als struktureller Gewinner

Chinas Internet-, E-Commerce- und KI-Konzerne generieren den Großteil ihrer Umsätze im Binnenmarkt und zählen zu den innovationsstärksten globalen Playern.

Unternehmen wie Alibaba Group oder Tencent investieren massiv in Cloud, KI-Modelle und digitale Ökosysteme. Auch chinesische Large-Language-Modelle gewinnen technologisch wie kommerziell an Wettbewerbsfähigkeit.

Immobilien als strukturelles Sorgenkind

Demgegenüber bleibt der Immobiliensektor belastet:

  • Überkapazitäten,

  • hohe Verschuldung,

  • schwache Nachfrage.

Eine nachhaltige Marktbereinigung dürfte noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Implikationen für langfristige Portfolios

Für strategische Anleger ergibt sich daraus ein selektives Bild:

Strukturelle Chancen

  • Elektromobilität und Batterietechnik

  • Digitale Plattformökonomie

  • Künstliche Intelligenz

  • Industrielle Automatisierung

Strukturelle Risiken

  • Immobilien und Bau

  • Teile der Schwerindustrie

  • Sektoren mit Überkapazitäten und Margendruck

China tritt 2026 wirtschaftlich in eine neue Phase ein. Das Hochgeschwindigkeitswachstum früherer Jahrzehnte weicht einem qualitativ geprägten Expansionsmodell, getragen von Technologie, Innovation und industrieller Skalierung.

Kurzfristige Unsicherheiten, von Handelskonflikten bis Immobilienkrise bleiben bestehen. Doch für langfristig orientierte Investoren eröffnet der strukturelle Wandel selektive, nachhaltige Wachstumschancen.

Oder in der Symbolik des neuen Tierkreisjahres: Der Weg mag länger geworden sein, doch Chinas ökonomisches „Pferd“ bleibt auf Kurs.