Der internationale Handel wird zunehmend von geopolitischen Interessen bestimmt. Strafzölle der USA sowie die anhaltende Abhängigkeit von China belasten die europäische Außenwirtschaft. Vor diesem Hintergrund gewinnt das neue Freihandelsabkommen (FHA) zwischen der Europäischen Union und Indien besondere strategische Bedeutung.

Historischer Schritt mit globaler Dimension

Ende Januar unterzeichneten die Europäische Union und Indien in Neu-Delhi ein umfassendes Freihandelsabkommen. Mit rund zwei Milliarden Menschen entsteht damit eine der größten Freihandelszonen weltweit. Das Abkommen sieht eine weitreichende Liberalisierung des Handels mit Waren, Dienstleistungen und Investitionen vor.

Kernpunkt ist der Abbau von Zöllen für mehr als 95 Prozent der Produktgruppen. Der Landwirtschaftssektor bleibt zunächst ausgenommen. Die formelle Unterzeichnung wird innerhalb der kommenden sechs Monate erwartet, das Inkrafttreten rund ein Jahr später.

Sobald das Abkommen vollständig greift, sollen 99,3 Prozent der EU-Exporte nach Indien sowie 96,6 Prozent der indischen Exporte in die EU ganz oder teilweise von Zöllen befreit werden. Die EU wird Zölle auf 90 Prozent der indischen Waren – darunter Textilien und Lederprodukte – sofort streichen. Indien wird im Gegenzug ab dem ersten Tag 30 Prozent der europäischen Waren zollfrei stellen. Für sensible Produktgruppen erfolgt der Zollabbau schrittweise über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren. In strategisch wichtigen Sektoren bleiben Quotenregelungen bestehen.

Neue Perspektiven für europäische Schlüsselbranchen

Besonders profitieren dürften europäische Industrieunternehmen. Indien senkt derzeit hohe Importzölle von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, Elektronik, Pharmazeutika und Flugzeuge deutlich ab. Für europäische Hersteller eröffnet dies erhebliches Wettbewerbspotenzial.

Im Automobilsektor ist eine spürbare Marktöffnung vorgesehen: Der bisherige Zollsatz von 110 Prozent auf importierte Fahrzeuge wird auf zehn Prozent reduziert – zunächst für ein Kontingent von 250.000 Fahrzeugen mit einem Verkaufspreis über 15.000 Euro. Darüber hinaus gelten weiterhin bestehende Zollregelungen. Zudem werden Zölle auf Automobilkomponenten innerhalb von fünf bis zehn Jahren schrittweise abgebaut, was europäische Hersteller zu verstärkter lokaler Produktion und Integration in indische Lieferketten bewegen könnte.

Auch europäische Anbieter hochwertiger Lebensmittel und Getränke erhalten erstmals realistische Marktzugangschancen zur wachsenden indischen Mittelschicht. Gleichzeitig profitieren europäische Einzelhändler von günstigeren Importen indischer Agrar- und Lebensmittelprodukte wie Tee, Gewürzen und verarbeiteten Nahrungsmitteln. Für Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft stellt das Abkommen einen wichtigen Schritt zur Diversifizierung strategischer Handelspartnerschaften dar.

Kreditrisiken bleiben ein entscheidender Faktor

Trotz der positiven Perspektiven gibt es Gründe für Vorsicht. Indien zeigt erhebliche strukturelle Risiken im B2B-Geschäft: Rund zwei Drittel aller auf Kredit basierenden Geschäfte sind von Zahlungsverzögerungen betroffen. Forderungsausfälle belaufen sich im Durchschnitt auf sieben Prozent des gesamten fakturierten B2B-Umsatzes.

Zudem rechnen 72 Prozent der indischen Unternehmen mit einem Anstieg der Insolvenzen in den kommenden Monaten. Diese Zahlen verdeutlichen die Bedeutung eines professionellen Debitorenmanagements.

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist ein geopolitisch wie wirtschaftlich bedeutender Schritt. Es stärkt Europas strategische Diversifizierung und eröffnet insbesondere industriellen Schlüsselbranchen neue Marktchancen. Gleichzeitig erfordert der Markteintritt in Indien ein professionelles Risikomanagement. Wer Chancen und Risiken gleichermaßen berücksichtigt, kann von der neuen Partnerschaft nachhaltig profitieren.