Über Jahre hinweg schien die Dominanz der USA an den globalen Aktienmärkten nahezu unangreifbar. Vor allem die sogenannten „Glorreichen Sieben“ – Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Nvidia und Tesla, trieben die Kurse des S&P 500 in immer neue Höhen. Doch seit Beginn des Jahres 2026 hat sich das Bild spürbar verändert. Mehrere Tech-Schwergewichte stehen unter Druck, während internationale Märkte aufholen. Die Voraussetzungen für eine stärkere Diversifikation weg von den USA seien derzeit so günstig wie lange nicht.
Eine bemerkenswerte Wende im Jahr 2025
Elf Jahre in Folge übertrafen US-Aktien ihre Pendants in anderen Industrieländern teils deutlich. 2025 jedoch kehrte sich das Muster um: Der MSCI EAFE Index, der Aktien aus Industrieländern außerhalb der USA abbildet, legte in US-Dollar gerechnet um 31,2 Prozent zu. Der S&P 500 kam im gleichen Zeitraum auf 17,9 Prozent.
Ein Teil dieser Outperformance ist dem schwächeren US-Dollar zuzuschreiben. Doch selbst auf lokaler Währungsbasis erzielten Nicht-US-Aktien einen beachtlichen Nettozuwachs von 20,6 Prozent. Trotz dieser Rally werden sie weiterhin mit deutlichen Bewertungsabschlägen gegenüber US-Titeln gehandelt. Der MSCI EAFE notiert derzeit mit einem rund 48-prozentigen Abschlag gegenüber dem US-Markt.
Die Frage liegt daher nahe: Stehen internationale Aktien vor einem nachhaltigen Comeback?
Das Klumpenrisiko im US-Markt
Ein wesentlicher Faktor für die langjährige US-Dominanz war die zunehmende Marktkonzentration. Anfang 2026 entfielen 40 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 auf die zehn größten Unternehmen – nahezu ein Rekordwert und doppelt so viel wie im breiten Markt vor 2010. Der Technologiesektor und die „Glorreichen Sieben“ allein stehen inzwischen für 48 Prozent des Index. Die starke Performance wurde in hohem Maße von den Gewinnzuwächsen der „Glorreichen Sieben“ getragen. Ohne diese sieben Unternehmen würde das Gewinnwachstum des S&P 500 in den vergangenen zehn Jahren dem des MSCI EAFE deutlich ähneln.
Diese Konzentration birgt Risiken. Wenn wenige Unternehmen einen Großteil der Performance tragen, erhöht sich in Stressphasen die Anfälligkeit für starke Schwankungen. Die Diversifikationsvorteile eines breiten Index werden dadurch faktisch verwässert. Zum Vergleich: In Nicht-US-Märkten machen die zehn größten Titel lediglich 13 Prozent des jeweiligen Gesamtmarkts aus. Das eröffnet größere Spielräume bei der Sektorallokation und reduziert Klumpenrisiken.
Historisch betrachtet ist das Gewinnpotenzial außerhalb der USA keineswegs strukturell schwächer. In drei der vier Jahrzehnte zwischen 1970 und 2010 übertrafen die Gewinnzuwächse von Nicht-US-Unternehmen jene der USA.
Aktuell ist das Bild differenziert: In Europa sind die Gewinnerwartungen uneinheitlich, während sich die Prognosen für Japan und die Schwellenländer verbessern. Sollten sich diese Trends verfestigen, könnte das steigende Gewinne in höhere Bewertungen und zusätzliche Kursgewinne übersetzen, insbesondere angesichts der weiterhin günstigen Ausgangsbewertungen.
Politischer und struktureller Rückenwind
Auch der politische Rahmen spricht für internationale Märkte. In Europa sorgen fiskalische Impulse, etwa Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur, für zusätzliche Dynamik. Industrie- und Technologieunternehmen könnten davon in den kommenden zwei Jahren mit zweistelligen Gewinnwachstumsraten profitieren.
Der Finanzsektor zeigt bereits Stärke: Europäische Banken erzielten 2025, gemessen an der Aktionärsrendite, überzeugende Ergebnisse. Die MSCI-EAFE-Finanzwerte legten um 40 Prozent zu, notieren jedoch weiterhin mit Abschlägen gegenüber ihren US-Pendants.
Japan wiederum treibt seit Jahren strukturelle Reformen voran. Die Reduktion von Cross-Shareholdings, der gegenseitigen Beteiligung von Unternehmen, wurde seit den 1990er-Jahren um mehr als 50 Prozent zurückgeführt. Verbesserte Corporate-Governance-Standards und eine stärkere Fokussierung auf Eigenkapitalrendite erhöhen die Attraktivität des Marktes für internationale Investoren zusätzlich.
Globale Diversifikation als strategische Ergänzung
Trotz der positiven Perspektiven für internationale Märkte bleiben US-Aktien ein zentraler Bestandteil globaler Portfolios. Doch nach einer Phase starker US-Gewichtung erscheint eine ausgewogenere Allokation sinnvoll.
Dabei sollte die Analyse nicht allein am Unternehmenssitz ansetzen. Viele europäische oder asiatische Konzerne generieren erhebliche Umsätze in den USA, während US-Unternehmen global aufgestellt sind. Entscheidend sind letztlich Qualität, Gewinnstabilität und Bewertung – nicht die geografische Zuordnung.
Angesichts geopolitischer Spannungen, möglicher konjunktureller Abschwächungen und steigender Volatilität kann ein diversifiziertes Portfolio mit hochwertigen internationalen Titeln einen stabilisierenden Effekt entfalten. Trotz der jüngsten Kursgewinne werden viele Nicht-US-Aktien weiterhin mit deutlichen Abschlägen gehandelt.
Die jüngste Marktrotation könnte daher mehr sein als eine kurzfristige Episode. Für Anleger, die ihre bislang stark USA-orientierte Strategie überprüfen, könnte jetzt der richtige Zeitpunkt sein, den Blick zu weiten; und den „Rest der Welt“ wieder stärker ins Portfolio zu holen.
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