„Allianzen, die überleben, sind nicht die bequemsten, sondern jene, die sich anpassen.“

Während meiner gesamten beruflichen Laufbahn habe ich die Zeit nach dem Kalten Krieg miterlebt, in der sich die NATO an neue Bedingungen anpasste und zahlreiche Theorien kursierten, wonach das Nordatlantische Bündnis obsolet geworden sei und seinem Verschwinden entgegengehe. Schon damals – wie auch heute, wenngleich die geopolitischen Rahmenbedingungen inzwischen deutlich komplexer sind – vertrat ich die Ansicht, dass die Organisation über die Fähigkeit und die Ressourcen verfügt, sich konkreten Realitäten anzupassen und ihre Relevanz zu bewahren.

Die Vorab-Signale der Munich Security Conference (MSC) sendeten eine klare strategische Botschaft aus Washington: Das NATO-Betriebsmodell der vergangenen drei Jahrzehnte gilt als erschöpft. Was wir derzeit erleben, ist kein amerikanischer Rückzug aus Europa, sondern eine Neuverteilung der Rollen innerhalb des Bündnisses – in einem multipolaren Kontext, der von gleichzeitigen strategischen Belastungen geprägt ist.

Die Botschaft wurde ausdrücklich von Elbridge Colby übermittelt, einem der zentralen Architekten des gegenwärtigen strategischen Denkens in Washington, der die Vereinigten Staaten beim NATO-Verteidigungsministertreffen am 12. Februar 2026 im Vorfeld der MSC vertrat.

Sein Beitrag ist weniger als situative Stellungnahme, sondern vielmehr als programmatische, nahezu doktrinäre Erklärung zu lesen.

1. Von NATO 1.0 zu NATO 3.0: Eine explizite strategische Periodisierung

Colby schlägt – implizit wie explizit – eine Dreiteilung der Entwicklung des Nordatlantischen Bündnisses vor:

NATO 1.0 – Die Zeit des Kalten Krieges

Geprägt von hartem strategischem Realismus, glaubwürdiger Abschreckung, klarer Aufgabenverteilung und der ausdrücklichen Erwartung, dass die europäischen Verbündeten substanziell zu ihrer eigenen Verteidigung beitragen. Dies war die NATO der Ära Eisenhower, Nixon und Reagan.

NATO 2.0 – Der unipolare amerikanische Moment und die Post-Kalter-Krieg-Phase

Eine Phase der Erweiterung, der „Out-of-area“-Operationen, relativer europäischer Abrüstung und einer zunehmend strukturellen Abhängigkeit von amerikanischen militärischen Fähigkeiten. Die territoriale Verteidigung Europas wurde weitgehend ausgelagert.

NATO 3.0 – Rückkehr zum Realismus im multipolaren Kontext

Die vorgeschlagene neue Architektur sieht ein Europa vor, das zum primären konventionellen Verteidiger des Kontinents wird – unterstützt durch die strategischen, nuklearen und globalen Machtprojektionsfähigkeiten der USA. Konzeptionell steht NATO 3.0 dem Modell 1.0 näher als dem der vergangenen drei Jahrzehnte.

Diese Unterscheidung ist zentral: Es handelt sich nicht um eine Revolution, sondern um eine historische Korrektur.

„Partnerschaften statt Abhängigkeiten“ – der Kernsatz der neuen Doktrin

Eine der zentralen Formulierungen Colbys lautet: „We want partnerships, not dependencies.“

Dies markiert einen Wendepunkt in der transatlantischen Beziehung:

  • Die Vereinigten Staaten akzeptieren nicht länger die Rolle eines dauerhaften Ersatzes für europäische konventionelle Fähigkeiten;
  • Europa wird aufgefordert, die primäre Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen;
  • Die amerikanische Garantie bleibt bestehen, wird jedoch als strategische Unterstützung definiert – nicht als strukturelle Krücke.

Die Botschaft ist nicht anti-europäisch. Im Gegenteil: Sie ist ein Aufruf zur Reifung des Bündnisses und zur Überwindung der Logik bequemer Abhängigkeit.

2. Die implizite Antwort auf den MSC-Bericht: Amerika demontiert nicht die Ordnung, sondern kalibriert sie neu

Colbys Rede ist auch als indirekte Reaktion auf den Bericht der Munich Security Conference zu verstehen, in dem die Vereinigten Staaten als „Elefant im Raum“ der internationalen Ordnung dargestellt werden – mit dem Vorwurf, bestehende Regeln zu destabilisieren.

Washington sendet jedoch eine andere Botschaft: Die Ordnung der Nach-Kalter-Krieg-Zeit ist nicht mehr tragfähig, und ihr künstliches Aufrechterhalten würde größere strategische Risiken erzeugen. Die Neukalibrierung der NATO wird als Akt des Realismus dargestellt, nicht als Abkehr.

Europäische Resonanzen auf der MSC: Von der Leyen, Macron und Merz zwischen Autonomie und Verantwortung

Die aus Washington übermittelte Botschaft blieb in Europa nicht unbeantwortet. Die Beiträge führender europäischer Politiker zeigen, dass Europa – wenn auch mit unterschiedlichen Nuancen – beginnt, die Logik von NATO 3.0 zu internalisieren.

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, rief in München eindringlich dazu auf, die eigenen Verteidigungsmechanismen Europas operativ wirksam zu machen. Sie forderte ausdrücklich, die gegenseitige Verteidigungsklausel der EU „mit Leben zu füllen“ und betonte, dass die Beistandspflicht nicht bloß ein theoretisches Prinzip des Vertrags von Lissabon bleiben dürfe, sondern zu einem funktionalen Instrument kollektiver Sicherheit werden müsse. Zugleich unterstrich sie die Notwendigkeit europäischer strategischer Eigenständigkeit.

Emmanuel Macron: Strategische Autonomie als Verantwortung, nicht als Alternative zur NATO

In seiner MSC-Rede bekräftigte der französische Präsident Emmanuel Macron das Konzept strategischer Autonomie – jedoch pragmatischer als in früheren Jahren. Autonomie bedeute nicht Abkopplung von den USA, sondern den Aufbau einer echten europäischen Handlungsfähigkeit, einschließlich militärischer Mittel, wenn Sicherheitsinteressen des Kontinents unmittelbar bedroht sind.

Im Rahmen von NATO 3.0 ergänzt diese Position die amerikanische Vision: Ein militärisch leistungsfähigeres Europa schwächt das Bündnis nicht, sondern stärkt seine Glaubwürdigkeit.

Friedrich Merz: Deutscher Realismus und das Ende strategischer Ambiguität

Der Beitrag von Friedrich Merz markierte eine wichtige Positionsbestimmung Deutschlands. Er räumte offen ein, dass ein europäisches Sicherheitsmodell, das auf militärischer Unterfinanzierung und Auslagerung der Verteidigung an die USA basiert, nicht länger tragfähig ist. Wirtschaftliche Führungsrolle impliziere sicherheitspolitische Verantwortung.

Deutschland beginne damit, sich als einer der kontinentalen Pfeiler von NATO 3.0 zu positionieren.

Europa zwischen verlorenem Komfort und strategischer Reifung

Insgesamt deutet sich eine langsame, aber bedeutende Konvergenz an: Europa erkennt, dass die Ära bedingungsloser strategischer Absicherung vorbei ist. Unterschiede in der Rhetorik bleiben bestehen, doch die Richtung ist klar – der Ausbau eigener Fähigkeiten ist Voraussetzung für Relevanz im Bündnis.

MSC 2026 markiert damit nicht nur eine doktrinäre Verschiebung, sondern den Beginn einer erneuten europäischen Übernahme kontinentaler Sicherheitsverantwortung. Entscheidend wird sein, ob der Weg von politischen Erklärungen zu konkreten Maßnahmen diesmal kürzer ausfällt als in der Vergangenheit.

Implikationen für Europa und die Ostflanke

Für die europäischen Staaten ist die Botschaft klar und messbar:

  • Wachstum realer konventioneller Fähigkeiten – nicht nur deklarativer Haushaltszahlen;
  • Schwerpunkt auf Landstreitkräften, Munitionsbeständen, Logistik und integrierten Führungsstrukturen;
  • Wiederbelebung der europäischen Verteidigungsindustrie als sicherheitspolitischer Faktor.

Für die östliche Flanke – einschließlich Rumäniens – bedeutet der Übergang zu NATO 3.0:

  • größere operative Verantwortung;
  • tiefere Integration der territorialen Verteidigung in die Bündnisplanung;
  • das Ende der Illusion, Sicherheit sei ausschließlich ein „Importprodukt“.

3. Was NATO 3.0 für Rumänien bedeutet

Im Rahmen von NATO 3.0 bemisst sich Rumäniens Relevanz nicht an politischen Erklärungen, sondern an der messbaren Fähigkeit, zur Verteidigung der Ostflanke beizutragen.

  • Verteidigungshaushalt: Rund 2,5 % des BIP (über dem NATO-Zielwert von 2 %). Die Herausforderung liegt jedoch darin, Ausgaben in operative Fähigkeiten umzusetzen – also in einsatzbereite Kräfte, Munition und Wartung, nicht nur in Beschaffungsprogramme.
  • Aktive Kräfte: Etwa 65.000–70.000 Soldaten, von denen ein erheblicher Teil in Unterstützungs- und Verwaltungsaufgaben gebunden ist. NATO 3.0 verlangt hochintensive, kampfbereite Landstreitkräfte.
  • Reserve: Weniger als 50.000 ausgebildete Reservisten, bei begrenztem Mobilisierungs- und Ausbildungssystem. Unter NATO-3.0-Logik wird die Reserve zu einem zentralen Abschreckungselement.
  • Schwarzes Meer: Rund 245 km Küste, kritische NATO-Infrastruktur und eine Schlüsselrolle für Energie- und Handelssicherheit der Region. Schutz und Kontrolle dieses Raums werden Kernaufgaben.
  • Rüstungsindustrie: Geringer Beitrag zum BIP (unter 0,5 %), begrenzte Munitions- und Instandsetzungskapazitäten. NATO 3.0 verlangt industrielle Resilienz, nicht bloße Importabhängigkeit.

NATO 3.0 benachteiligt kleine Staaten nicht – sie prüft jedoch ohne Nachsicht deren tatsächliche Verteidigungsfähigkeit.

Schlussfolgerung

Die Ausführungen Elbridge Colbys und die europäischen Reaktionen auf der Munich Security Conference markieren das Ende einer historischen Phase der NATO. Das Modell der Nach-Kalter-Krieg-Zeit – geprägt von asymmetrischer Verantwortung und europäischem strategischem Komfort – gilt in einem multipolaren Umfeld strategischer Konkurrenz als nicht mehr tragfähig.

NATO 3.0 kündigt keinen amerikanischen Rückzug an, sondern eine realistische Neudefinition der transatlantischen Beziehung. Die USA bleiben strategischer Pfeiler des Bündnisses, knüpfen diese Rolle jedoch an die Übernahme primärer Verantwortung Europas für die konventionelle Verteidigung des Kontinents. Der Fokus verschiebt sich von Status zu Fähigkeit – von Erklärung zu Leistung.

Für Rumänien und die östliche Flanke ist dieser Wandel unmittelbar relevant. Strategische Bedeutung ergibt sich künftig weniger aus Positionierung oder Loyalität, sondern aus der Fähigkeit, im Krisenfall Widerstand zu leisten, abzuschrecken und alliierte Anstrengungen in der Anfangsphase zu tragen.

In diesem Sinne ist NATO 3.0 weniger ein Versprechen als ein Test. Für jene, die sich anpassen, bietet er die Chance zur Konsolidierung. Für andere droht nicht der Austritt aus dem Bündnis – sondern die Marginalisierung innerhalb desselben.

Über den Autor:

Corneliu Pivariu ist ein hochdekorierter Zwei-Sterne-General der rumänischen Armee (a. D.). Er gründete und leitete zwei Jahrzehnte lang eines der einflussreichsten geopolitischen Fachmagazine Osteuropas, das zweisprachige Journal Geostrategic Pulse. General Pivariu ist Mitglied des IFIMES-Beirats.

Der Artikel gibt die persönliche Auffassung des Autors wieder und spiegelt nicht zwingend die Position von IFIMES wider.

Der Text wurde uns vom „International Institute for Middle East and Balkan Studies (IFIMES) mit der freundlichen Bitte um Veröffentlichung zugesandt. Wir haben uns erlaubt, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Alle Inhalte und Meinungen sind ausschließlich die des Autors.