Die jüngste Veröffentlichung von Akten im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein erschütterte die Welt nicht deshalb, weil sie etwas völlig Unbekanntes ans Licht brachte. Sie erschütterte sie, weil sie mit dokumentarischer Kälte eine Wahrheit bestätigte, die gewöhnlich nur im Flüsterton ausgesprochen wird: dass absolute Macht nicht innerhalb der gewöhnlichen Moral lebt, sondern sich eine eigene, parallele Moral schafft.
Ihre Publikation ist kein Moment des Skandals. Sie ist ein Moment moralischer Entblößung. Nicht, weil neue Gesichter auftauchen, sondern weil sie für einen Augenblick den hartnäckigsten Mythos der modernen Ordnung zerstreut: den Glauben, große Macht gehe mit Verantwortung einher. In Wirklichkeit wird die Moral umso dünner, je höher die Macht aufsteigt, bis sie an der Spitze nicht verschwindet, sondern schlicht überflüssig wird.
In diesem Sinne sind die Epstein-Akten kein Skandal. Der Skandal ist, dass wir sie noch immer so nennen. Sie sind lediglich vorübergehende Risse im dichten Vorhang einer Ordnung, die den Begriff der Schuld längst aufgegeben hat. Was ans Licht kommt, ist nicht das Verbrechen, sondern seine Normalität an der Spitze der Welt. Diese Akten spiegeln eine unsichtbare Ordnung wider, in der Laster keine Abweichungen, sondern funktionale Elemente der Architektur der Macht sind.
Im modernen Imperium der Macht ist Moral ein rhetorisches Relikt, aufbewahrt für Wahlreden und Berichte über „unternehmerische Verantwortung“. An der Spitze globaler Hierarchien, wo sich politische, finanzielle, diplomatische, kulturelle und akademische Eliten überschneiden, erscheint das Gesetz nicht mehr als universelle Norm, sondern als selektiver Mechanismus. Es wird gegenüber den Vielen streng angewandt und gegenüber dem inneren Zirkel flexibel gehandhabt.
Ethik als zeremonielles Vokabular
Diese Eliten haben ein Ökosystem geschaffen, in dem das Gesetz nicht dazu dient, ihre Macht zu begrenzen, sondern sie zu verwalten. Gerechtigkeit ist auf ein technisches Verfahren reduziert worden, verwaltet von Anwälten, Ausschüssen und Fristen, während Ethik auf ein zeremonielles Vokabular für den öffentlichen Konsum zusammengeschrumpft ist. Innerhalb dieser Ordnung verhalten sich die Mächtigen nicht wie verborgene Verbrecher, sondern wie Verwalter ihres eigenen Privilegs.
Politische Führer, globale Finanziers und Technokraten des Einflusses sehen sich nicht als Normbrecher, sondern als gerechtfertigte Ausnahmen. Das Gesetz ist keine Grenze; es ist eine schützende Architektur. Ethik ist keine Verpflichtung; sie ist Dekoration. Verteidiger dieses Systems werden es institutionelle Stabilität, politischen Realismus oder gar strategische Klugheit nennen. Doch eine Stabilität, die nur durch Suspendierung moralischer Verantwortung überlebt, ist keine Ordnung. Sie ist die Abschreibung von Schuld.
Sie herrschen nicht durch offene Gewalt, weil sie sie nicht benötigen. Sie herrschen durch Unsichtbarkeit: vertrauliche Verträge, fragmentierte Zuständigkeiten, Untersuchungskommissionen ohne Ergebnis. Das ist der Triumph moderner Macht: nicht die Massen zu zerschlagen, sondern sie zu erschöpfen.
Laster als Zugehörigkeit
In dieser Welt sind Laster keine zufälligen Normbrüche; sie sind Beweise der Zugehörigkeit zum Klub. Private Inseln, bewachte und abgeschottete Villen, Veranstaltungen hinter verschlossenen Türen, Flugzeuge ohne öffentliche Routen – das sind nicht bloß Symbole von Luxus, sondern Territorien realer Souveränität. Wo keine Kameras eindringen und das Gesetz am Tor endet, gönnt sich die Macht selbst, ohne Rechtfertigung. Das sind die modernen Oasen des Lasters, in denen Unmoral nicht bestraft, sondern reguliert wird.
Am verstörendsten ist nicht das Ausmaß des Missbrauchs, sondern die Normalität, mit der das System ihn absorbiert. Politische Führer reagieren mit institutioneller Eleganz, Finanziers ziehen sich hinter Geschäfte und Geheimhaltung zurück, während machtnahe Intellektuelle alles im Namen der „Komplexität“ relativieren. Schweigen ist keine Angst; es ist verfeinerte Komplizenschaft.
In dieser Ordnung fühlt sich niemand schuldig, weil Schuld in kollektive Verantwortung ohne Urheber aufgelöst wird. Jedes Glied schützt das nächste – nicht aus moralischer Solidarität, sondern aus gemeinsamem Interesse am Erhalt des Systems. So erscheint das Böse nicht als brutaler Akt, sondern als verwalteter Prozess. Es schreit nicht und offenbart sich nicht; es wird unterschrieben.
Die Unantastbarkeit dieser Figuren ist kein Fehler des Systems, sondern seine höchste Errungenschaft. Sie entsteht nicht aus dem Fehlen von Gesetzen, sondern aus ihrem Übermaß; nicht aus einem Mangel an Beweisen, sondern aus der Fragmentierung der Wahrheit. Die Öffentlichkeit erhält genug Information, um empört zu sein, aber niemals genug, um echte Rechenschaft zu verlangen. Der Skandal wird zum Spektakel, und das Spektakel zur Ermüdung.
In diesem Sinne war Jeffrey Epstein keine Ausnahme, sondern eine Funktion. Eine vermittelnde Figur, die politische Macht mit Geld, kulturellen Einfluss mit Geheimhaltung, Begehren mit Immunität verband. Sein Fall zerstörte das System nicht, weil das System nicht auf ihm beruhte; es beruhte auf dem Bedarf an Figuren wie ihm.
Jeffrey Epstein war kein Monster. Das Monster ist die Vorstellung, er sei allein gewesen. Er war lediglich der dunkle Funktionär eines Systems, das jemanden brauchte, der Geheimnisse bewahrt, Begehren mit Einfluss, Perversion mit Macht und Geld mit Schweigen verbindet. Als diese Funktion gefährlich wurde, opferte das System ihn – nicht aber sich selbst.
Was diese Akten uns aufzwingen, ist die Erkenntnis, dass das moderne Imperium der Macht nicht durch sichtbare Gewalt herrscht, sondern durch organisierte Amoralität. Demokratie bleibt Fassade, Transparenz ein Schlagwort und Gerechtigkeit selektiv. Für die Vielen ist das Gesetz Verpflichtung; für die Elite ist es Option.
Akzeptanz der Ordnung als Verbrechen
Das Imperium der Macht fürchtet nicht die Wahrheit. Es fürchtet das Gedächtnis. Deshalb kommen Skandale in Zyklen, werden Enthüllungen in Fragmenten veröffentlicht und Verantwortung so lange verteilt, bis sie verschwindet. Wahrheit darf kurz auftauchen – gerade lange genug, um die Illusion von Transparenz zu erzeugen, niemals lange genug, um die Ordnung zu verändern.
Die Heuchelei der Macht liegt nicht nur in den Taten, die sie verbirgt, sondern in den Masken, die sie sorgfältig präsentiert. Jene, die von Podien Moral predigen, von Werten, Familie, Ordnung und Verantwortung sprechen, behandeln Ethik häufig wie ein zeremonielles Kostüm: getragen für die Kameras, abgelegt, wenn das Licht erlischt. Die Propaganda der Macht will nicht mit Wahrheit überzeugen, sondern moralische Sensibilität betäuben. Sie produziert makellose öffentliche Figuren, vorbildliche Erzählungen und abstrakte Feinde, während die Realität hinter die Bühne gedrängt wird. Wenn die Masken fallen – wie im Fall der Epstein-Akten –, offenbart sich nicht nur individuelle Heuchelei, sondern der Mechanismus einer gesamten Ordnung, die überlebt, indem sie Tugend predigt und Laster verwaltet.
Die eigentliche Tragödie – und unser kollektives Versagen – liegt nicht nur in verborgenen Verbrechen, sondern in der gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Ordnung als „normal“ und unvermeidlich. Wir haben gelernt, dies politischen Realismus, institutionelle Stabilität oder strategische Reife zu nennen. Wir fordern Gerechtigkeit nur für die Schwachen und bewundern den Zynismus der Mächtigen als Zeichen von Intelligenz. Im Kern haben wir eine Ordnung akzeptiert, in der Macht nicht mehr das Bedürfnis verspürt, sich moralisch zu rechtfertigen. Denn wo Macht keine ethischen Grenzen kennt, muss das Böse nicht mehr maskiert werden. Es wird verwaltet, dokumentiert und geschützt, bis eine weitere Akte geöffnet und ein weiteres Schweigen darüber gelegt wird.
Doch eine Macht, die keine Scham kennt, ist nicht stark; sie ist verfault. Eine Ordnung, die nur durch Suspendierung der Moral überlebt, ist nicht rational; sie fürchtet jede echte Form der Rechenschaft. Und eine Gesellschaft, die das hinnimmt, ist nicht naiv; sie hat kapituliert.
Die Epstein-Akten zeigen uns nicht, wie dunkel die Elite ist. Sie zeigen uns, wie viel Dunkelheit wir gelernt haben zu tolerieren. Denn wo Macht ohne Scham lebt, muss das Böse sich nicht mehr verstecken. Es regiert – und wir nennen es Ordnung.
Über den Autor:
Botschafter Assoc. Prof. Dr. Arben Cici, derzeit Dozent für Internationale Beziehungen an der Mediterranean University of Albania, ehemaliger Botschafter Albaniens in Dänemark, Kroatien und Russland, zweimaliger außenpolitischer Berater des Präsidenten der Republik, zweimaliger Direktor des Staatsprotokolls im Außenministerium, Autor des offiziellen Zeremonienbuchs der Republik Albanien, Analyst und exzellenter Experte für Außenpolitik.
Der Artikel gibt den Standpunkt des Autors wieder und spiegelt nicht unbedingt den Standpunkt von IFIMES wider.
Der Text wurde uns vom „International Institute for Middle East and Balkan Studies (IFIMES)“ mit der freundlichen Bitte um Veröffentlichung zugesandt. Wir haben uns erlaubt, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Alle Inhalte und Meinungen sind ausschließlich die des Autors.

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