Wer in den Ruhestand eintritt, steht vor einer zentralen Frage: Wie lässt sich das aufgebaute Vermögen nutzen, ohne die Substanz langfristig aufzubrauchen? Gerade vermögende Privatkunden möchten regelmäßige Entnahmen tätigen und zugleich sicherstellen, dass das Kapital auch über Jahrzehnte hinweg Bestand hat.
Vom Vermögensaufbau zur Entnahmephase
Während der Ansparphase wirken Marktschwankungen oft weniger bedrohlich. Rückgänge können sogar Chancen darstellen, da günstiger nachgekauft wird. In der Entnahmephase kehrt sich diese Logik jedoch um: Rendite bedeutet Lebensqualität, Volatilität dagegen Unsicherheit.
Performance bleibt wichtig, doch im Ruhestand rücken Planbarkeit und Struktur in den Vordergrund. Ziel ist es, regelmäßige Entnahmen mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit über einen Zeitraum von 30 Jahren oder mehr zu ermöglichen.
Die Trinity-Studie als wissenschaftliche Grundlage
Eine zentrale Referenz für nachhaltige Entnahmestrategien ist die sogenannte Trinity Study der Trinity University in Texas. Die Studie untersucht, wie hoch die jährliche Entnahme aus einem Portfolio sein darf, ohne dass das Vermögen innerhalb von 30 Jahren aufgezehrt wird.
Das Ergebnis: Eine jährliche Entnahme von vier Prozent des Anfangsvermögens bietet historisch eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit.
Bei einer Aktienquote von 75 Prozent lag die Wahrscheinlichkeit, nach 30 Jahren noch Vermögen zu besitzen, bei 98 Prozent. Selbst bei einer Aktienquote von 50 Prozent betrug sie noch 95 Prozent. Ein reines Rentenportfolio schnitt dagegen deutlich schlechter ab: Hier lag die Wahrscheinlichkeit, nach 30 Jahren noch Vermögen zu halten, nur bei rund 20 Prozent.
Ein Beispiel verdeutlicht die Wirkung:
Wer mit einem Startvermögen von einer Million Euro beginnt und im ersten Jahr vier Prozent, also 40.000 Euro, entnimmt, hätte über 30 Jahre insgesamt 1,2 Millionen Euro ausgezahlt bekommen. Historisch wäre das Vermögen dennoch im Median auf rund acht Millionen Euro angewachsen.
Die Logik gilt auch für kleinere Vermögen. Bei 500.000 Euro Anfangskapital wären 20.000 Euro jährliche Entnahme möglich, bei 250.000 Euro entsprechend 10.000 Euro, jeweils mit hoher Wahrscheinlichkeit, die Substanz nicht vollständig zu verlieren.
Als besonders stabil erwies sich eine Aktienquote zwischen 50 und 75 Prozent. In diesem Bereich entsteht ein günstiges Gleichgewicht zwischen Wachstumspotenzial und Stabilität, ein „Sweet Spot“ für nachhaltige Entnahmen.
Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse
Die Grundprinzipien lassen sich auch auf europäische beziehungsweise deutsche Rahmenbedingungen übertragen. Auch hier hätte eine Entnahmerate von vier Prozent historisch über 30 Jahre funktioniert. Selbst unter Berücksichtigung der Abgeltungssteuer wäre mit dieser Strategie in der Vergangenheit eine vollständige Erfolgswahrscheinlichkeit erreichbar gewesen.
Ein Beispiel: Bei einer Aktienquote von 75 Prozent und einer jährlichen Entnahme von 3,5 Prozent aus einem Startvermögen von einer Million Euro hätte das Portfolio nach 30 Jahren im Median noch rund drei Millionen Euro betragen.
Das Sequenzrisiko: Die unterschätzte Gefahr
Aber ein entscheidender Risikofaktor ist das sogenannte Sequenzrisiko – also die Reihenfolge der erzielten Renditen.
In der Ansparphase spielt es kaum eine Rolle, ob schwächere Börsenjahre zu Beginn oder am Ende auftreten. In der Entnahmephase hingegen ist der Zeitpunkt entscheidend. Treten gleich zu Beginn des Ruhestands größere Marktverluste auf und werden gleichzeitig Kapitalbeträge entnommen, reduziert sich das Vermögen doppelt: durch Kursverluste und durch Auszahlungen.
Verlaufen die ersten drei bis fünf Jahre hingegen positiv, wird das Portfolio deutlich robuster. Negative Anfangsjahre hingegen senken die langfristige Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich.
Eine nachhaltige Entnahmestrategie basiert daher auf drei Grundprinzipien:
- Eine ausgewogene Aktienquote zwischen 50 und 75 Prozent
- Eine Entnahmerate von drei bis vier Prozent des Anfangsvermögens
- Eine durchdachte Portfolio-Struktur inklusive ausreichender Liquiditätsreserven
Zu viele Aktien erhöhen die Schwankungsanfälligkeit, zu wenige schmälern langfristig die Erfolgschancen. Entscheidend ist die Balance zwischen Wachstum und Stabilität, ergänzt durch ausreichende Puffer, um schwierige Marktphasen insbesondere zu Beginn des Ruhestands abzufedern.
Wer diese Grundsätze beachtet, kann sein Vermögen über Jahrzehnte hinweg nutzen, ohne die Substanz aufzubrauchen.
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