Die Ergebnisse der indischen Parlamentswahl 2024 kamen für viele überraschend. Die regierende Bharatiya Janata Party (BJP), die allgemein als Favoritin für eine dritte absolute Mehrheit galt, errang weniger als 240 von 545 Sitzen im Parlament. Ministerpräsident Narendra Modi, der seinen Anhängern sogar eine Supermehrheit versprochen hatte, sah sich plötzlich gezwungen, eine Koalition mit anderen Parteien einzugehen – zum ersten Mal in seiner politischen Karriere ist er auf Partner außerhalb der eigenen Partei angewiesen.

Narendra Modi, Prime Minister of the Republic of IndiaOppositionsparteien und viele gewöhnliche Bürger, die unter Modis hindu-nationalistischer Politik gelitten haben, feierten das Ergebnis als Kurskorrektur. In seiner Amtszeit hatte Modi unter anderem den Sonderstatus von Jammu und Kashmir aufgehoben – dem einzigen Bundesstaat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit –, eine Reihe diskriminierender Staatsbürgerschaftsgesetze eingeführt und den Bau eines Tempels für die Gottheit Ram an der Stelle einer ehemaligen Moschee in Ayodhya vorangetrieben. Seine Wahlkampagne 2024 stellte diese Maßnahmen offensiv zur Schau. Wieder griff er auf islamfeindliche Rhetorik zurück – ein Stilmittel, das ihm in früheren Wahlkämpfen den Sieg gesichert hatte. Als die BJP dennoch scheiterte, das Parlament zu dominieren, werteten viele liberale Beobachter das als Zeichen, dass dem Hindu-Nationalismus in Indien Grenzen gesetzt seien. Es schien, als beginne die Partei, ihren Einfluss zu verlieren.

Tatsächlich hat Modi an politischem Gewicht eingebüßt. Sein lange als entscheidend geltendes persönliches Charisma scheint nicht mehr dieselbe Strahlkraft zu besitzen. Doch der strukturelle Einfluss der BJP ist weitgehend intakt geblieben – und hat sich in den darauffolgenden Regionalwahlen sogar erneut behauptet. Die Partei gewann mehrere Abstimmungen, auch dort, wo ihr vorher eine Niederlage prognostiziert wurde – und das, ohne ihre ideologische Ausrichtung zu verändern.

Path Sanchalan Bhopal by Rashtriya Swam Sevak Sangh by Suyash DwivediDie strategische Anpassung erfolgte an anderer Stelle: Die BJP verschob ihr Machtzentrum weg von Modi hin zur Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) dem ‚Reichsfreiwilligenbund‘– der Mutterorganisation der Partei und zugleich dem ideologischen Kern des organisierten Hindu-Nationalismus in Indien. Die RSS existiert seit über 100 Jahren und verfügt über eine enorm breit aufgestellte Kaderstruktur. In vielerlei Hinsicht bedeutet diese Entwicklung daher eine Rückkehr zur Normalität.

Vor Modis überwältigendem Wahlsieg 2014 galt es als selbstverständlich, dass die RSS die strategischen Leitlinien der BJP bestimmte. Obwohl Modi ideologisch eng an die RSS gebunden blieb, hatte seine Popularität ihm erlaubt, sich der direkten Einflussnahme der Organisation weitgehend zu entziehen. Frühere Parteiführer suchten regelmäßig das Gespräch mit dem RSS-Führer im Hauptquartier der Organisation. Modi hingegen kehrte dieses Machtverhältnis um: Die Führung kam zu ihm. Doch dieses Gefüge ist inzwischen wieder ins Gleichgewicht gerückt. Im März 2025 reiste Modi erstmals seit seiner Amtsübernahme wieder persönlich zum RSS-Hauptsitz – ein symbolischer Akt mit deutlicher Signalwirkung.

Auch die jüngsten Wahlkämpfe wurden nicht mehr im Namen Modis geführt, sondern durch das organisierte Netzwerk der RSS, das landesweit Hausbesuche organisierte, mobilisierte und die Kampagnen logistisch unterstützte. Die Parteimaschinerie hat damit bewiesen, dass sie nicht von der Person des Premierministers abhängig ist.

Wer glaubt, mit dem relativen Machtverlust Modis stehe auch der Hindu-Nationalismus in Indien vor dem Niedergang, dürfte sich täuschen. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass die BJP nicht auf Modi angewiesen ist, um Wahlerfolge zu erzielen – und dass die Organisation im Hintergrund sogar noch schlagkräftiger agiert. Mit der Unterstützung der RSS bleibt die Partei breit verankert, hochgradig mobilisiert und strukturell auf langfristige Dominanz ausgerichtet – unabhängig von der Person an der Parteispitze.

Modi mag ein politischer Einzelakteur mit begrenzter Haltbarkeit sein. Die RSS jedoch ist dauerhafter organisiert – und damit möglicherweise die entscheidendere Kraft für die Zukunft Indiens.

Wie die BJP durch Kastenpolitik ihr Überleben sichert

Auf den ersten Blick wirkte das Ergebnis der indischen Parlamentswahl 2024 klar: Die BJP verlor 63 Sitze, die Indische Nationalkongresspartei (Congress) gewann 47 dazu. Es schien, als füge sich Indien in die globale Reihe von Staaten ein, in denen amtierende Regierungen an Rückhalt verlieren.

Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich ein differenzierteres Bild: Der Zuwachs der Congress-Partei ging nicht zulasten der BJP, sondern entstand fast ausschließlich durch Stimmenverluste kleinerer Regionalparteien. In den Regionen, in denen die BJP direkt gegen die Congress-Partei antrat, konnte sie ihre Position behaupten. Ihre eigentlichen Verluste erlitt sie in einem einzigen Bundesstaat: Uttar Pradesh – Indiens bevölkerungsreichstem. Dort wurde sie von der Samajwadi Party geschlagen – einer Partei, die es verstanden hatte, die BJP mit deren eigener Strategie zu besiegen.

Seit rund zwei Jahrzehnten gelingt es der BJP, gesellschaftlich weniger privilegierte Kasten („Backward Castes“) in eine politische Allianz zu integrieren. Dabei kombiniert sie ihre traditionell hochkastige Wählerschaft mit jenen, die sich durch frühere Regierungen ignoriert oder ausgeschlossen fühlten. Die BJP erreichte das durch gezielte Koalitionen mit kleineren Kastenparteien sowie durch die Vergabe von Mandaten an Angehörige unterrepräsentierter Gruppen. Auf diese Weise entstand ein schlagkräftiger Wahlblock, der über Jahre hinweg kaum angreifbar war.

Die Samajwadi Party übernahm dieses Modell – und verbesserte es. Sie integrierte nicht nur Führungsfiguren aus diesen Gruppen in ihre Parteistrukturen, sondern vergab auch zahlreiche Direktkandidaturen an Personen aus unteren Kasten. Das Ergebnis: ein massiver Mandatsgewinn auf Kosten der BJP.

Die Congress-Partei hingegen zeigte wenig strategisches Lernverhalten. Sie interpretierte das Ergebnis der nationalen Wahl als Bestätigung ihrer bisherigen Linie und passte sich nicht an. Bei den Regionalwahlen im Oktober 2024 im Bundesstaat Haryana etwa setzte die Congress alles auf eine einzige dominante Agrarkaste – die Jats. Die BJP hingegen blieb bei ihrem bewährten Koalitionsmodell: eine breite Allianz der unteren Kasten. Das Ergebnis war eindeutig: Die BJP gewann 48 von 90 Sitzen, mehr als zuvor, während die Congress nur 37 Mandate erringen konnte – ein Rückschlag für jene, die das Ende der BJP erwartet hatten.

Auffällig: Modi spielte im Wahlkampf kaum noch eine Rolle. Sein Gesicht fehlte auf Wahlplakaten, seine Reden waren nicht Grundlage der Kampagnenbotschaften. Stattdessen stützte sich die BJP auf die organisatorische Stärke der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS). Lokale Kader arbeiteten in den Stadtteilen und Dörfern an der Mobilisierung der Wählerschaft. Kurz vor der Wahl ersetzte die RSS sogar den amtierenden BJP-Ministerpräsidenten – ein Angehöriger einer städtischen Oberschichtskaste – durch einen Politiker aus einer marginalisierten Gruppe. Diese Strategie erwies sich als erfolgreich.

Ein ähnliches Vorgehen brachte der BJP im November 2024 einen Wahlsieg in Maharashtra, dem zweitgrößten Bundesstaat Indiens. Erneut setzte die Partei auf eine breite kastenspezifische Koalition – erneut ohne Modi im Zentrum, dafür mit Unterstützung der RSS, deren Zentrale sich in diesem Bundesstaat befindet.

Im Februar 2025 folgte der Sieg in Delhi, der indischen Hauptstadt – ein bemerkenswerter Erfolg, da urbane Zentren in Indien oft andere politische Muster zeigen. Doch auch hier gelang es der RSS, die ländlich geprägte Kastenpolitik in die Metropole zu übertragen. Die bisher regierende Aam Aadmi Party, die mit Bildungs- und Gesundheitsprogrammen punktete und sich flexibel gegenüber hindu-nationalistischen Themen verhielt, wurde verdrängt. Unterstützt wurde die BJP indirekt durch die Congress-Partei, die durch übermäßige Kandidatur in nahezu allen Wahlkreisen die Anti-BJP-Stimmen spaltete.

Neben Mobilisierungsfähigkeit setzt die BJP weiterhin auf autoritäre Mittel, um ihre Position zu sichern: Druck auf Medien und zunehmend starke Einflussnahme auf die indische Wahlkommission. Seitdem die BJP die Besetzung der Wahlleitung zentral steuert, werden Wahltermine offenbar gezielt so gesetzt, dass sie hindu-nationalistischen Kandidaten Vorteile verschaffen. Die Kommission selbst zeigt sich immer weniger transparent, insbesondere bei Fragen zu Wählerverzeichnissen und Registrierung.

Doch all diese Faktoren waren auch bei der verlorenen Parlamentswahl 2024 präsent. Die jüngsten Wahlsiege der BJP lassen sich daher nicht primär mit struktureller Beeinflussung erklären – sondern mit einer erfolgreichen organisatorischen Neujustierung. Die Partei hat sich taktisch angepasst, ihre Abhängigkeit von Modi reduziert und die strukturelle Unterstützung der RSS reaktiviert – mit spürbarem Erfolg.

Warum die RSS längst das Kommando übernommen hat

Die jüngsten Wahlerfolge der BJP in Delhi, Haryana und Maharashtra belegen deutlich: Der schwindende Einfluss Modis bedeutet nicht das Ende des Hindu-Nationalismus. Vielmehr markiert er eine Machtverschiebung innerhalb der Bewegung. Modi mag weiterhin das Gesicht dieser Ideologie sein – doch das eigentliche Kommando hat längst die RSS übernommen. Die Organisation untersteht nicht länger dem Premierminister.

Für die RSS ist diese Rückkehr zur Kontrolle ein ideologisch motivierter Normalzustand. Sie war es, die in den frühen 1980er-Jahren die BJP begründete und über Jahrzehnte lenkte. Modi selbst begann seine politische Laufbahn als Kader der RSS, bevor ihn die Organisation zur BJP entsandte. Erst mit seinem Aufstieg zum Premierminister und seiner wachsenden Popularität konnte er sich weitgehend von der RSS emanzipieren und begann, die Organisation faktisch selbst zu führen.

In vielerlei Hinsicht war diese Phase für beide Seiten erfolgreich. Modi erfüllte zentrale Ziele der RSS: von der Abschaffung des Sonderstatus von Jammu und Kashmir bis zum Bau des Ram-Tempels in Ayodhya. Doch die RSS hat sich nie wirklich mit der Rolle als nachgeordneter Akteur abgefunden. Die Parlamentswahl 2024 bot der Organisation die Gelegenheit zur Rückeroberung ihrer alten Autorität. Eine kaum verklausulierte Mahnung lieferte der RSS-Vorsitzende Mohan Bhagwat, als er nach der Wahlniederlage erklärte: Ein wahrer sevak (Diener des Volkes) dürfe keinen ahankar (Hochmut) entwickeln – ein klarer Seitenhieb gegen Modi.

Für säkulare Kritiker der BJP mag es Genugtuung bedeuten, dass Modi durch seine eigene ideologische Heimat diszipliniert wird. Doch Grund zur Freude besteht nicht: Die Rückkehr der RSS bedeutet keineswegs eine Schwächung der Bewegung, sondern ihre institutionelle Stabilisierung. Die Macht, die zuvor an Modis Person gebunden war, wurde durch ein robustes organisatorisches Fundament ersetzt – und damit auf dauerhafte Strukturen übertragen.

Die RSS verfügt über ein Jahrhundert Erfahrung im Aufbau von Netzwerken: politisch, kulturell und gesellschaftlich. Sie hat Wahlkämpfe organisiert, Bildungsinitiativen geprägt und kulturelle Narrative gestaltet – und sie hat mehrfache staatliche Verbote überlebt. Die Bewegung ist weder geschwächt noch im Rückzug, sondern fest in Staat und Gesellschaft verankert.

Modi mag der populäre Kopf des Hindu-Nationalismus bleiben – doch das System RSS funktioniert auch ohne ihn. Sollte die BJP morgen auf Modi verzichten müssen, bliebe ihre ideologische Ausrichtung und politische Wirkmacht erhalten. Die RSS hat in Verwaltung und Justiz loyale Netzwerke aufgebaut, Universitäten unter ideologische Kontrolle gebracht und Lehrpläne in Teilen Indiens reformuliert, um ein einseitiges, suprematistisches Geschichtsbild zu verankern. Die neuen Ministerpräsidenten in Delhi, Haryana und Maharashtra sind keine charismatischen Führungspersönlichkeiten – sondern anonyme Funktionäre, deren Biografien vollständig innerhalb der RSS-Strukturen verlaufen sind.

Wer heute mit Indien zu tun hat, wird es de facto mit der RSS zu tun haben. Im Alltag mag das kaum spürbar sein – strategisch jedoch verändert sich der Charakter des indischen Staates.

Die Ideologie der RSS durchdringt zunehmend auch die Außenpolitik. Während der jüngsten Eskalationen mit Pakistan klang die Rhetorik aus Neu-Delhi wie aus einem RSS-Manifest der 1970er-Jahre. Zukünftig könnte Indien nicht nur selbstbewusster, sondern auch aggressiver auftreten – besonders in Bezug auf Kaschmir. Die Forderung, das pakistanisch kontrollierte Gebiet (aus indischer Sicht „Pakistan Occupied Kashmir“) zurückzuerobern, ist ein fester Bestandteil der expansionistischen Vision der RSS für ein „Großindien“.

Was lange als abwegig galt, ist unter der RSS bereits mehrfach Realität geworden. Der Ram-Tempel, das Bürgerrechtsgesetz, die Kaschmirpolitik – sie alle waren einst unmögliche Forderungen, heute sind sie staatliche Realität. Ein außenpolitisch aktives Indien, getragen von einem tief verwurzelten Hindu-Nationalismus, wird künftig zur strategischen Realität in Südasien.